DRadio Wissen berichtet über Kalte Fusion

Aktuell berichtet dradio.de über die Kalte Fusion. Der Bericht trägt den Titel „Die Mär von der kalten Fusion“. Dabei ist dradio.de selber einer Mär aufgesessen, nämlich dass die Kalte Fusion nach Fleischmann und Pons nicht hätte reproduziert werden können (vgl. Spiegel Online berichtet über Kalte Fusion). Die zugehörige Falschaussage ist diesmal so formuliert:

Kalte Kernfusionen sind bisher noch nicht gelungen.

Dieses ist umso ärgerlicher, da ich zuletzt 2008 auf dradio.de den Forschungsstand berichtet hatte. Zugegebenermaßen ist auch bei meinem Artikel von 2008 ein Fehler drin. Dort heißt es in der Bildbeschriftung: „Der bislang einzige Fusionsreaktor des Sonnensystems ist der Stern in seinem Zentrum.“ Man muss jedoch wissen, dass Bildbeschriftungen wie auch Überschriften und Teaser meist von der Onlineredaktion getextet werden. Der Autor des aktuellen Beitrags hat den Fehler jedoch auch in einem Beitrag für Technology Review gemacht. Dort heißt es:

1989 hatten zwei US-Chemiker behauptet, die kontrollierte Kernfusion, wie sie im Sonneninneren bei enormen Temperaturen passiert, elektrochemisch auf dem Labortisch nachgestellt zu haben. Andere Forscherteams konnten die Ergebnisse jedoch nicht wiederholen.

In diesem Blog stelle ich pro Falschaussage eine erfolgreiche Reproduktion der Kalten Fusion vor. Da dradio.de die Falschaussage in der Bildbeschriftung untergebracht hat und das Urheberrecht des Bilds der NASA gehört, nehmen wir ein NASA-Experiment von 1989:

Am Lewis Research Center ist ein Experiment zur Suche nach Hinweisen auf eine Deuteriumfusion in Palladium durchgeführt worden. Im Experiment, in dem Deuterium in das Palladium eines Wasserstoffreinigers geladen wurde, sollten Neutronen aus der Reaktion 2D + 2D → 3He + n nachgewiesen werden. Die Neutronenmessungen für Deuterium unterschieden sich nicht signifikant vom Hintergrund oder dem Kontrollexperiment mit leichtem Wasserstoff. Eine Wärmeentstehung wurde gemessen, wenn Deuterium in den Reiniger geladen wurde, nicht aber bei leichtem Wasserstoff.

Leider hatte die NASA dieses Experiment erst 15 Jahre später veröffentlicht.

Bei jeder zweiten Fusion von zwei Deuteronen (schwere Wasserstoffkerne) wird die Produktion eines Neutrons erwartet – aber nur bei der Heißen Fusion! Heute weiß man, dass bei der Kalten Fusion Helium-4 zu erwarten ist. Im Radiobeitrag auf dradio.de heißt es auch:

radioaktive Strahlung – eine unweigerliche Begleiterscheinung von Kernfusionen

Doch in der Kalten Fusion entsteht keine Gamma-Strahlung wie bei der Heißen Fusion. Kombiniert mit der Energieproduktion ist das auch der Grund, warum die Kalte Fusion eine so vielversprechende Energiequelle ist.

Im Beitrag wird Dieter Seeliger interviewt, der 1989 Physikprofessor an der TU Dresden war. Über seine Forschung schrieb er damals:

Obwohl die Behauptungen von Fleischmann und Pons zur Beobachtung makroskopischer Wärmemengen bislang von anderen Gruppen nicht quantitativ bestätigt worden zu sein scheinen, gibt es Hinweise auf die Entstehung eines neuen interessanten Forschungsgebiets zwischen Kernphysik und Festkörperphysik – Untersuchungen von Kernfusionprozessen in kondensierter Materie.

Besagtes Forschungsgebiet heißt Festkörperkernforschung, und Viele kennen den Forschungsstand nicht. Leider.

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Erforschung, Entwicklung und Anwendungen der Kalten Fusion (Bericht von der WSEC2012-Konferenz)

Am 11. Januar 2012 ist die Kalte Fusion erstmals auf einer Energiekonferenz diskutiert worden, die von einer UN-akkreditierten Organisation organisiert worden ist (Kalte Fusion betritt UN-Bühne). Mein englischer Bericht ist bei Vortex dokumentiert. Es folgt die deutsche Übersetzung. Den Rest des Beitrags lesen »


Kalte Fusion betritt UN-Bühne

Am 11. Januar 2012 wird die Kalte Fusion erstmals auf einer Energiekonferenz diskutiert, die von einer UN-akkreditierten Organisation organisiert wird. An diesem Tag hält Francesco Celani, Physikprofessor am italienischen National Institute for Nuclear Physics und Vizepräsident der International Society for Condensed Matter Nuclear Science, auf der World Sustainable Energy Conference einen Vortrag zum Stand der Festkörperkernforschung. Titel: „Progress, in the Condensed Matter Nuclear Science, on excess energy production: toward practical applications?“ Auszug aus dem Abstract:

Was aktuelle Behauptungen sehr großer Produktionen von Überschussleistung in „mikro-nano-strukturiertem Nickel“ in Interaktion mit H2 bei hohen Drücken und Temperaturen angeht, die von Gruppen aus Italien und Griechenland kommen, müssen wir betonen, dass beide Gruppen es (laut eigenen Angaben aus Patent/Geschäfts-Gründen) bis heute abgelehnt haben, ihre Apparate unabhängig testen zu lassen.Aus wissenschaftlicher Sicht können wir daher nichts zu ihrer Arbeit sagen. Im November hatte F. Celani dem Italiener A. Rossi in einem weitverbreiteten Wissenschaftsmagazin (Focus) angeboten, einen seiner 10kW-Geräte zu validieren. Auch die öffentliche „Überzeugungsarbeit“ von Nobelpreisträger Brian Josephson war nicht ausreichend, Zugang zu dem Gerät für wissenschaftliche und wirklich unabhängige Tests zu erhalten.

Dennoch sind wir davon überzeugt, dass bis heute so viele Belege von ernsthaften Wissenschaftlern erbracht worden sind, dass die Realität niederenergetischer Kernreaktionen vielleicht schon bald durch die ganze wissenschaftliche Communiy anerkannt werden wird, was die Erforschung ihres Potenzials für praktische Anwendungen und als nachhaltige, praktisch unbegrenzte Energiequelle einleuten würde.

Celani hatte Rossi sein Angebot am 18. November 2011 unterbreitet. Rossi hatte in derselben Onlineausgabe dankend abgelehnt.

Celanis Vortrag folgt eine zweistündige Diskussion in einer Arbeitsgruppe zu neuen Energiesystemen. Mit der Konferenz wird das World Sustainable Energy Year 2012 eingeleitet. Es sollen Energieempfehlungen für die United Nations Conference on Sustainable Development Rio+20 erarbeitet werden, die im Juni 2012 stattfinden wird.

Vorsitzender der Konferenz ist Gustav Grob, Generalsekretär und Initiator der UN-akkreditierten International Sustainable Energy Organisation. 2005 hatte er in einem Interview für Telepolis gesagt:

Ich glaube, dass die Energiegewinnung aus Materie mittels physikalischer Chemieverfahren zukünftig eine wichtige Rolle spielen wird. Ich denke dabei nicht an die heiße Fusion, die sich wieder nur in Großkraftwerken realisieren lassen würde, sondern an neuartige, dezentrale Systeme, sprich: Aggregate im Keller, die ein Haus integral mit Energie versorgen.


Danke Telepolis!

Seit 2004 berichte ich bei Telepolis über die Kalte Fusion. 2011 sind die Teile 9 und 10 erschienen. Teil 9 war der zweit meistgelesene und der meistkommentierte Artikel des Jahres, Teil 10 der viert meistkommentierte. Chefredakteur Florian Rötzer schreibt im Jahresrückblick:

Haiko Lietz hat während einiger Jahre immer wieder über die Kalte Fusion berichtet. Von einer einst verklärten zur schließlich geächteten Forschung geworden scheint sich die Kalte Fusion zur Erzeugung von Strom und Wärme nun wieder zu mausern. Mit seinem Artikel über einen möglichen Durchbruch des italienischen Ingenieurs Andrea Rossi, der in einer öffentlichen Demonstration seine entwickelte Technik vorführte, stieß Lietz auf großes, wenn auch oft hohes skeptisches Interesse.

Danke liebe Leser, Danke Florian, Danke Telepolis!

Teil 1: Kalte Fusion wieder heiß
Teil 2: Die unerzählte Geschichte der kalten Fusion
Teil 3: Zur Theorie der kalten Fusion
Teil 4: Der Kampf gegen die kalte Fusion
Teil 5: Die Rückkehr der kalten Fusion?
Teil 6: US-Energieministerium empfiehlt weitere Erforschung der kalten Fusion
Teil 7: Lobbying für die Kalte Fusion
Teil 8: Kalte Fusion und die Zukunft
Teil 9: Kalte Fusion in der Black Box?
Teil 10: Kalte Fusion als Technologie